Talent des Monats: Juergen E. Stolte

Foto der Arbeit Seestück

Seestück, Acryl auf Wellpappe und Leinwand, 2019, 100 cm × 150 cm

Im November schrieben wir über die junge Künstlerin Iva Todorova. Heute ist es Zeit, ihren Entdecker und Förderer selbst vorzustellen: den Maler, Bildhauer und Meister der Corrugated Art Juergen E. Stolte.

Gernsheim

Bei Kilometer 461,7 verbindet eine Fähre Rheinhessen mit Gernsheim. Dort ging Juergen zur Schule. Die Stadt ist klein, und so traf er oft Werner Böttiger, der Straßenszenen malte und den neugierigen jungen Mann über seine Schulter schauen ließ: Die beiden freundeten sich an.

Im benachbarten Biebesheim richtete Juergen sein erstes Atelier ein, malte mit Öl, zeichnete, arbeitete mit Objekten aus Stein oder Holz und lernte von Werner Böttiger technische Kniffe.

Die Pappe

Foto Juergen E. Stolte 1992

1992

Gleich neben dem Atelier gab es ein Wellpappenwerk, das zu einer Besichtigung einlud.

Das deutsche Wort Wellpappe klingt trocken, und sicher assoziieren viele den Geruch einer Lagerhalle, wenn sie es hören. Doch Juergen Stolte hatte eine Idee: Er begann, das für Verpackungen gedachte Material ganz anders zu nutzen. Anfangs schlicht als Leinwand für seine Malerei. Doch bald wurde die Pappe selbst immer wichtiger.

Decollagen und Corrugated Art

Ein Bild zu verändern, indem man Teile davon abkratzt oder auf andere Art entfernt nennt man Decollage. Die Künstler des Nouveau Réalisme haben die Technik populär gemacht: in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

zwei Rückenakte

Rückenakt

Welches Material wäre besser als Wellpappe geeignet, dass man unter die Oberfläche schaut? Nachdem Juergen Stolte seine farbenfrohen, »schönen« Bilder darauf gemalt hat, reißt er das Papier ein oder traktiert es mit dem Skalpell. Die gemalten Menschen oder Dinge scheinen freigestellt, treten klarer hervor – und sind gleichzeitig entblößt, verletzt.

Von fern wirken vor allem die Töne der Wellpappe: ocker, beige oder sandfarben. Wer näher tritt, dem zeigt sich die Struktur des Untergrunds, den Juergen wie ein Archäologe freigelegt hat: die Wellen des Industriematerials.

Narzissmus, Arbeit von Juergen E. Stolte

Narzissmus

Wellpappe heißt auf englisch Corrugated Paper. Das klingt beinahe melodisch. Genau wie Corrugated Art, wie Juergen seine Kunst nennt.

Kunst und Industrie

Die Firma Zewawell und der Verband der Wellpappenindustrie (VdW) begannen, sich für Juergens Kunst zu interessieren. Sie unterstützen ihn und kauften Arbeiten. Ausstellungen folgten: im Kunsthaus Wiesbaden, im Heimatmuseum Gernsheim, beim Werkbund Frankfurt, in Mannheim oder im Institut für Neue Technische Form in Darmstadt. Juergen Stolte gelang es, in seinen Arbeiten Industrie und Kunst zu versöhnen.

Später ging er nach Italien und Chicago, immer neue Inspiration suchend. »In Amerika funktioniert die Industrie anders als in Europa«, sagt er heute. Seine Arbeiten seien schneller geworden und widersprüchlicher.

Arbeit: above the clouds

Above the clouds, 150 cm × 200 cm, Acryl auf Wellpappe

Auf jeden Fall wurden sie aufregender: Außer seinen »klassischen« Wellpappearbeiten erstellt Juergen Reliefs, Bildtafeln, nimmt Vorlagen aus dem Barock, die er in seine Kunst einbaut, schafft Skulpturen aus Pappe (die größte fast drei Meter hoch) – immer auf der Suche nach neuen Ideen und Techniken. So knotet, härtet und klebt er Papier, baut es in seine Arbeiten ein. Den dafür notwendigen Kleber mixte ein befreundetes Labor. Und da ist sie wieder: die Verbindung zur Industrie.

Arbeit: Raphael

Raphael, 150 cm × 190 cm × 15 cm, Papier, Wellpappe auf Leinwand

Die Wellen und die Insel

Juergen scheint nicht nur mit der Pappe, sondern auch mit den Wellen an sich verbunden. Den Rhein fast 300 Kilometer stromabwärts seiner Heimat liegt Düsseldorf: Eine Zeit lang arbeitete er dort, förderte gezielt auch andere Künstlerinnen und Künstler.

Insel, Arbeit von Juergen E. Stolte

Insel

Heute wohnt er am Meer. Sein aktuelles Atelier steht in Palma de Mallorca, die Arbeiten spiegeln das Wasser, die Wärme und das mediterrane Licht.

Themen gibt es genug. Neugierig und unruhig scheint er kaum Pausen zu machen: Auf seinem Instagram-Kanal zeigt er täglich neue Bilder oder Skulpturen. Dabei ist jede Arbeit anders. Die eine einfach nur schön, die andere verstörend, sei es, dass klar wird, wie verletzlich die gemalten Figuren sind, oder dass wir erkennen, wie respektlos wir mit dem Schönen oder unseren Ressourcen umgehen.

Aber Juergen will nicht missionieren. Seine Kunst bleibt spannend, er selbst bescheiden:

Wenn jemand ein rotes Bild von mir kauft, weil er im Haus ein rotes Sofa stehen hat, kann ich damit leben. Ich habe meine Arbeit abgeschlossen.

Ausstellung ab dem 29. Juli 2022

Während der letzten beiden Jahre gab es nicht viel Gelegenheit, Bilder und Skulpturen live zu erleben, wir erinnern uns. In Spanien herrschten zeitweise strengere Regeln als in Deutschland. Deshalb freuen wir uns unso mehr:

Portrait Juergen E. Stolte

Juergen E. Stolte

Iva Todorova und Juergen E. Stolte zeigen ihre neuesten Arbeiten gemeinsam: in der Ausstellung »Reflection«, 30 km westlich von Palma de Mallorca, vom 29. Juli bis zum 7. August. Auch wenn das Neun-Euro-Ticket nicht auf den Balearen gilt: Vielleicht findet der ein oder andere den Weg – und wir treffen uns.

Arte Casa Gallery
Avenida Mateo Bosch 26
07157 Port d’Andratx
Mallorca

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Unsere Reihe Talent des Monats

Etwa einmal pro Monat stellen wir in dieser Rubrik Künstlerinnen und Künstler vor. Treu nach unserem Motto Bilden schützt – wobei wir uns nicht auf Bildende Kunst beschränken 🙂

Wenn Sie Fragen oder Anregungen haben, nehmen Sie einfach Kontakt auf:

Ansprechpartner für Interessierte

Foto: Armin Briatta, dbb akademie GmbH

Armin Briatta
E-Mail: armin.briatta@dbbakademie.eu
Telefon: +49 173 6549710

Bisher vorgestellte Talente

Kommentar (1) Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Beautiful art Jürgen,
    there is something really humble and honest about your artwork. The use of recycled paper And corrugated cardboard adds a wonderful dimension to the work. I wish you all the success in the future.
    Mary O’Connor

    Antworten

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